Neues Altes aus dem Archiv
In den zurückliegenden zwei Jahren sah es das Stadtarchiv Kamenz als eine seiner vordringlichsten Aufgaben an, die Ordnung und Verzeichnung der Bestände voran zu bringen. Wie in der Mehrzahl der anderen Kommunalarchive oblag es dem Stadtarchivar, dies allein zu bewältigen. So gingen in dieser Zeitspanne annähernd 10.000 Archivalien aus sechs Jahrhunderten durch seine Hände. Im Mittelpunkt stand dabei die elektronische Erschließung des so genannten Bestandes „Altes Archiv“. Bei der parallel durchgeführten Revision anhand der noch vorhandenen Altfindmittel bzw. Registraturbücher, musste schmerzlich festgestellt werden, dass erhebliche Lücken – vor allem in der Überlieferung vor 1800 – existieren. Mag sein, dass eine Vielzahl der Akten durch die Abgabe an Papiermühlen von Seiten der Stadtverwaltung zu Geld gemacht wurde. Aber ein Teil der Akten scheint über die Jahrhunderte auf andere Weise verloren gegangen zu sein. Es handelt sich dabei zumeist um Schriftzeugnisse aus dem 18. Jahrhundert, so dass die Vermutung berechtigt erscheint, dass mit Sach- und Geschichtsverstand gerade die Unterlagen entnommen wurden, die über Kamenz während der Zeit der Familie Lessing Auskunft geben. Eine Reihe dieser Akten wurden einst dem Lessing-Museum übereignet. Sie werden momentan in das Stadtarchiv zurückgeführt. Aber auch mancher Heimatforscher oder anderweitig Interessierte hat sich Akten ausgeliehen, wahrscheinlich in einer Zeit, wo eine hauptamtliche Führung des Stadtarchivs noch nicht gewährleistet war, ohne sie wieder zurückzugeben.
Umso erfreulicher ist es jedes Mal, wenn eine oder mehrere verschollene Akten wieder auftauchen; so unter anderem im Landeskirchenarchiv Dresden. Neben einer größeren Anzahl von Akten des Stadtrates zu Kamenz, die aufgrund von Veränderungen der amtlichen Zuständigkeit bei Angelegenheiten der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinden im Jahre 1926 heute vollkommen rechtmäßig dort verwahrt werden, findet sich auch eine Akte, die bereits bei einer Ende 1896 durchgeführten Revision im Bestand des Stadtarchivs Kamenz fehlte. Selbstverständlich ist das Stadtarchiv nun bemüht, diese Akte wieder in seine Bestände einzugliedern. Dies allein schon aus dem Grund, da es sich dem Inhalt nach um die Anstellung der Katecheten in der ersten Hälfte des 18. Jahrhundert handelt. So enthält die Akte auch die Bestallung von Johann Gottfried Lessing, dem Vater des Aufklärers Gotthold Ephraim. Allein; es mangelt an Beweisen, dass diese Akte zu Recht in das Stadtarchiv und nicht in das Archiv der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens gehört. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein jeder Archivar die ihm anvertrauten Unterlagen wie seinen Augapfel hütet. Dies geschieht selbstverständlich auch im Landeskirchenarchiv. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass dort trotz Verständnis für die Belange der Stadt Kamenz dennoch (mit kollegialem Einfühlungsvermögen der brisanten Angelegenheit) erst einmal Rückgabeforderungen ein Riegel vorgeschoben wurde. Aber selbst wenn auch zukünftig der Nachweis über das Eigentum seitens des Stadtarchivs nicht erbracht werden kann, so besteht doch die Gewissheit und Sicherheit, dass die Akte im Landeskirchenarchiv an öffentlicher Stelle von qualifiziertem Fachpersonal verwahrt wird. Das Aktenstudium ist dort im Rahmen der Benutzungsordnung möglich und eine kompetente als auch auf die Bedürfnisse der Benutzer eingehende Beratung durch hilfsbereite Kollegen gewährleistet.
Das Stadtarchiv Kamenz hingegen begnügt sich vorerst damit, solang die Akte nicht substantiell dem Bestand zugeordnet werden kann, über die elektronische Archivdatenbank zumindest eine virtuelle Eingliederung der Akte in den Gesamtbestand vorzunehmen – mit einem Verweis an das Landeskirchenarchiv in Dresden.